Klappentext zu Francis. Felidae II
Francis, der samtpfötige Klugscheißer, geht aufs Land. Was als gepflegter Ausbruch aus den häuslichen Verhältnissen beginnt, wird zu einer wahren Odyssee des Schreckens. Nur zu bald stößt Francis auf einen enthaupteten Artgenossen, und schon steckt er in einer mörderischen Geschichte um blinde Katzen und wilde Jäger, schlaue Verbündete und einer schöne Verführungen. Wenn einer in der Lage ist, die Mordserie zu beenden, dann der neugierige Katzendetektiv. Doch die Grausamkeit der Tiere und der Wahn des Menschen fordern ihren Tribut...
Über den Autor: Pirincci Akif (Autor)
Akif Pirinçci, geboren 1959 in Istanbul und aufgewachsen in der Eifel, drehte mit vierzehn Jahren seinen ersten Film für den Bayrischen Rundfunk und erhielt kurz darauf den Hörspielpreis des Hessischen Rundfunks. Mit seinem Katzenkrimi "Felidae", der als Trickfilm auch das Kinopublikum eroberte, schrieb er sich in die Herzen einer internationalen Fangemeinde. Die folgenden Romane stürmten sofort die Bestsellerlisten, wurden in viele Sprachen übersetzt und erzielten weltweit Millionenauflagen. Akif Pirinçci lebt in Bonn.
EXCERPT: Sie nennen es Evolution... Auf diesem Planeten, sagen sie, arbeitet eine unsichtbare Mechanik, die den Stärkeren befähigt, immer stärker zu werden, und den Schwächeren dazu zwingt, sich dem Stärkeren bedingungslos zu unterwerfen. Das ist ein Naturgesetz, sagen sie, und jeder Widerstand dagegen töricht. Der Starke wird überleben, der Schwache früher oder später vom Erdboden getilgt - das nennen sie Evolution.
Doch wer sind all diese Schwachen und zum Untergang Verurteilten? Wie lauten ihre Namen? Welchem Geschlecht gehören sie an? Sind sie nicht ebenso ein Teil dieser Erde wie die Auserwählten? Oder sind sie nur namenlos, gattungslos und am Ende bedeutungslos, Zwischenwesen auf dem Weg zu der endgültig seligmachenden Perfektion? Ist das die traurige Wahrheit, die sich hinter dem Begriff Natur verbirgt? Ist das das ewige Gesetz?
Sie nennen es Evolution... Ich nenne es ein Verbrechen!
Von eben diesem immerwährenden Verbrechen sollte ich in den folgenden Wochen ausführlich erfahren. Doch zuvor lag ich noch nichts ahnend im Frühling dieses Jahres auf dem gelben Gobelinsofa im Wohnzimmer. Die Fassade des
renovierten Altbaus war während der letzten Jahre mit einem größenwahnsinnigen Efeudickicht zugewachsen, das sich anschickte, allmählich auch die Fenster zu okkupieren. Wie gleißende Speere drangen zwischen den Blättern deshalb nur vereinzelte Sonnenstrahlen in den Raum, von denen einer in diesem seligen Augenblick der Harmonie wie ein Spotlight meinen Schädel traf. Ich lag majestätisch ausgestreckt auf dem Sofa, halb dösend, halb über den wundersamen Weltenlauf philosophierend, und mir war zum Überschnappen behaglich zumute. Wahrhaftig, ich habe es gut getroffen im Leben, dachte ich in meiner grandiosen Einfalt. Hier liege ich nun, in Wärme und Geborgenheit, und harre der aufregenden Abenteuer des nahenden Sommers, die sich allesamt in den verschlungenen Gärten an der Rückfront des Hauses abspielen werden.
Diese grüne Oase hatte ihre Gartenzwerggemütlichkeit längst zugunsten eines Design-Babylons aus japanischen Zierbrücken über Kunstbiotopen und eigenhändig gepflasterten Natursteinwegen abgetreten. Kurzum, die einstigen Studentengreise und Frührentner waren aus der Idylle restlos vertrieben worden, und an ihre Stelle waren müllsortierende und gegen alles und jeden Unterschriften sammelnde Individuen mit bizarr anmutenden Doppelnamen getreten. Obgleich sie während ihrer Gartenarbeiten wie halbverhungerte Asiaten zerfranste Strohhüte trugen, war keineswegs darauf zu schließen, daß sie am Hungertuch nagten. Das Gegenteil war der Fall. Ihre feiste Saturiertheit hatte lediglich ausgefallenere Blüten getrieben, und sie waren massenhaft in diese altmodischen Refugien einmarschiert und in ihrer Begleitung natürlich wir, deren Abbilder heutzutage in den Entwürfen von Innenarchitekten als I-Tüpfelchen der Wohnherrlichkeit bereits obligatorisch auftauchen.
Ich hätte es also in der Tat nicht günstiger treffen können, auch wenn mein Lebensgefährte Modetrends mit derselben Intensität wahrnimmt wie ein Pavian die Schwankungen des Dow-Jones-Index.
Von diesem sogenannten Lebensgefährten - Gustav Löbel heißt er - ist zunächst eigentlich nur das eine Gute zu sagen, nämlich, daß er nicht das gleiche Futter wie ich verzehrt und daß ich infolgedessen von irgendwelchen entwürdigenden Verteilungskämpfen am Napf verschont bleibe. Der Mann ist eine exzentrische Mischung aus dem Elefanten Benjamin Blümchen und Doctor Doolittle. (Letzteres bezieht sich auf sein Beharren darauf, daß es sich bei seinen wirren Selbstgesprächen um "Unterhaltungen" mit meiner Wenigkeit handle). Allein das Betrachten dieses Heißluftballons auf zwei Beinen bei ganz gewöhnlichen Hausverrichtungen kann zu Heiterkeitsausbrüchen führen. Die schlagen jedoch schnell in Ärger um, da man so viel Blödheit bei einem neunundvierzig jährigen Kerl von zweihundertachtzig Pfund Gewicht kaum vermuten würde. Oder haben Sie schon mal jemanden getroffen, der sich beim Zubereiten von Spaghetti das Nasenbein gebrochen und beide Handteller verbrannt hat? Einer ausführlichen Schilderung bedarf der Zwischenfall nicht. Man möge sich lediglich eine x-beliebige Szene aus einem Slapstickstreifen in Erinnerung rufen: Tückische Alltagssituationen werden zu einer choreographischen Inszenierung des Chaos, das bei schlichten Gemütern wie Gustav leicht zu Fällen für die Sendung "Notruf" ausarten kann.
Bis vor ein paar Jahren bestand seine Haupteinnahmequelle aus dem Abfassen von Schmonzetten für Frauenjournale unter dem Namen "Thalila", ein Pseudonym, das in Anbetracht des Schunds, der da fabriziert wurde, fürwahr eine schiere Explosion von Kreativität bedeutete. Das Muster derlei Dummacher war stets dasselbe: Unter mysteriöser Frigidität leidende Mutter von acht Kindern vertraut sich einem Gynäkologen mit dem Erscheinungsbild von Bela Lugosi an, der sie unter dem Vorwand einer gründlichen Untersuchung narkotisiert, mehrmals vergewaltigt, ihr das Geschlecht umwandelt und später vor Gericht empörenderweise behauptet, er habe unter dem Einfluß von Lachgas gestanden, damit auch noch auf Bewährung davonkommt und einen Tag später den Nobelpreis erhält. Alles klar? Fairer weise sei gesagt, daß Gustav weit davon entfernt war, irgendeine Erfüllung in dieser Tätigkeit zu finden. Sie diente lediglich dem Broterwerb. Als Professor für Ägyptologie erwarb er sich parallel zu der elenden Federfuchserei den Ruf einer Koryphäe in seinem Fach. Dies schlug anfangs kaum wahrnehmbar, dann aber durch sensationelle Veröffentlichungen immer ansehnlicher zu Buche. Schließlich konnte er die von ihren Schwiegermüttern drangsalierten Neuverheirateten ganz fahrenlassen und sich ausschließlich seinen geliebten Mumien und mir widmen.
Das heißt nicht, daß unsere Beziehung dadurch irgendwie entspannter wurde. Erlöst von dem folternden Gedanken, ob das Honorar des soeben verbockten Machwerkes die nächste Stromrechnung begleichen würde, behandelte er mich wegen des Überflusses an Zeit und Muße erst recht wie ein neuzeitlicher Vater, der mittels eines Gebräus aus tarifrechtlichen Finten und obskuren Appellen aus der Feministinnenfront seinen schönen Beruf aufgibt, um die Rolle der Mutter auszuprobieren. Seine früheren Fürsorgeattacken hatten mich schon oft darüber sinnieren lassen, warum er sich ausgerechnet mich anstatt einer Kuscheldecke angeschafft hatte. Doch nun ging mir das andauernde Babyplappern und das Locken mit immer exquisiteren Leckereien wirklich auf den Geist. Ein Ersatz, jawohl, nichts anderes als ein Ersatz war ich für diesen Lebensversager, der die Rundungen von Frauen nur aus nudismuslastigen Videos kannte und ihre Psyche aus genau den Zeitschriften, für die er einmal geschrieben hatte. Ein Liebesersatz für einen Eremiten, den sein schrulliges Dasein zu den absonderlichsten Ritualen verleitete - wie dem nervtötenden Getue mit seinen tausend Pfeifen und Tabaken - und für den jeder Tag mit mindestens zwei Flaschen französischem Rotwein ausklang, da die Nacht die Selbsterkenntnis besonders schmerzhaft förderte. Ein Ersatz für Kinder, die nie gezeugt wurden, und für Freunde, die nie an die Tür klopften.
Fast glatzköpfig, geschlagen mit dem bösartigsten Krummrücken der Orthopädiegeschichte und einem Blick, der melancholischen Flußpferden in den Wechseljahren nicht unähnlich ist, wurde dieser Streichelterrorist nach seinem Abtritt als Karl May der sexuell belästigten Sekretärinnen für mich immer mehr zu einer Plage. Ich habe nichts gegen maßvolle Fellpflege, aber das beständige Gefühl, nur ein Ausgleich für die verpfuschte Existenz eines alten Professors zu sein, machte mich traurig und zornig zugleich.
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